Cultured Meat – die Zukunft unserer Ernährung?

An der Universität Maastricht kam es im Jahr 2013 zu einer wegweisenden Entwicklung: Mark Post entnahm einer Kuh Zellen und züchtete aus diesen rein biologisch Fleisch. Es wurden keine Chemikalien o.Ä. zugesetzt. Er nannte es Cultured Meat oder Beef, zu deutsch: Kultiviertes Fleisch oder Rind, doch auch der Begriff des In-Vitro-Fleisches, also Fleisch aus dem Reagenzglas, macht die Runde.

Ich verzichte selbst auf den Fleischkonsum – aus Ethik gegenüber Mensch und Tier. Dennoch schmeckt mir Fleisch. Diese Entwicklung weckte also mein Interesse und daher habe ich mir die nackten Zahlen vorgenommen und mir die Frage gestellt:

Werden sich unsere Kinder und Kindeskinder davon ernähren?

Aus den Zellen einer einzelnen Kuh ließen sich mittels dieses Verfahrens über 300 Tausend Tonnen Fleisch produzieren. Bei einem aktuellen jährlichen Fleischkonsum von 300 Millionen Tonnen weltweit bräuchte es also etwas weniger als 1.000 Kühe um den weltweiten Gesamtbedarf zu decken.

Nun kann man argumentieren, dass auf diese Art immer noch 1.000 Tiere – und damit wohl 1.000 zu viel – sterben müssen. Doch rücken wir diese Zahl doch mal ins rechte Licht: Alleine in Deutschland mussten im Jahr 2015 im Schnitt 121 Tiere pro Minute ihr Leben in Schlachthöfen lassen – das ist Töten im Akkord! Bei diesem Pensum hätte man also den gesamten weltweiten, jährlichen Bedarf an Fleisch in unter 8 Minuten gedeckt.

Plötzlich klingen 1.000 Rinder gar nicht mehr so viel…

Nicht nur aus tier-ethischer Sicht hätte diese Form der omnivoren Ernährung große Vorteile!

50% des weltweit angebauten Getreides geht als Futtermittel in die industrielle Fleischproduktion. Die meist in Monokulturen angebauten Nahrungsmittel werden also nicht nur ökologisch bedenklich produziert, sondern stehen auch dem Menschen nicht als Nahrung zur Verfügung. Mit dem Fleisch, das aus der Verfütterung gewonnen wird, können ungleich weniger Menschen versorgt werden. Dank Cultured Meat würde viel mehr Nahrung wieder für den Menschen zur Verfügung stehen und die gefährliche Entwaldung vieler Gegenden, vornehmlich in Südamerika, könnte ein Ende finden.

Für die Anbauflächen wurden jedoch auch Kleinbauern enteignet, welche sich nun in prekären, teils existenz- oder sogar lebensbedrohlichen Verhältnissen befinden. Sie können sich das teure Fleisch nicht leisten – Platz zur Selbstversorgung haben sie nun aber auch nicht mehr.

Auch für das Klima wäre eine derart drastische Einschränkung der Massentierhaltung ein wahrer Segen! Sie ist laut der Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO) für 18% der vom Menschen verursachten Treibhausgase, für 37% des Methan- und 65% des Lachgasausstoßes verantwortlich. Des Weiteren wirkt das so entstandene Methan bei gleicher Masse 70 Mal schädlicher als Kohlendioxid. Und auch die oben beschriebene Landwirtschaft zur Futtermittelgewinnung, inklusive der massiven Rodung von Wäldern, trägt natürlich zur weiteren Prekarisierung der Lage bei, in dem weniger Schadstoff-abbauende Bäume existieren. Die Liste der ökologischen Problematiken ließe sich noch lange fortsetzen…

Zu guter Letzt sollte man auch das Wasser nicht aus den Augen verlieren. Nicht nur wird durch die Massentierhaltung und das Düngen mit Gülle unser Grundwasser verschmutzt, es fließt auch jede Menge Wasser in die Fleischproduktion. Laut der FAO werden für die tägliche Ernährung eines einzelnen Menschen je nach Region 2.000 bis 5.000 Liter Wasser benötigt – ein sehr großer Teil durch den Fleischkonsum.

So viel Wasser wird benötigt, um folgende Produkte zu produzieren:

  • Rindfleisch: 15.000 Liter / kg
  • Hühnerfleisch: 3.900 Liter / kg
  • Schweinefleisch: 4.800 Liter / kg
  • Apfel: 70 Liter / Stück
  • Käse: 5.000 Liter / kg
  • Leder: 16.600 Liter / kg
  • Ei: 200 Liter / Stück

Und: Uns geht der Platz aus! Schon im Jahr 2013 wurden 37,7 % der weltweiten Landfläche landwirtschaftlich genutzt. Da die durch Monokulturen geschädigten Flächen nicht dauerhaft nutzbar sein werden und zahlreiche Prognosen aussagen, dass der Fleischkonsum sowie die Bevölkerungsdichte sich in den nächsten Jahren erhöhen wird, wird davon auszugehen sein, dass sich auch die landwirtschaftlich genutzten Flächen ausbreiten und verschieben werden müssen. Nur wohin? Da für eine größere Bevölkerung mehr Wohnraum benötigt wird, werden die Städte sich in Richtung Land ausdehnen. Ehemals von Kleinbauern genutzte Flächen werden urbaner Wohnraum. Übrige bleiben also wieder nur die Wälder sowie eine Umsiedlung ärmerer, am Land lebender Menschen in die Metropolen, wo in Folge dessen von einer Ausweitung von Armenvierteln – Slums, Favelas…) ausgegangen werden kann. Mehr Menschen auf weniger Raum.

Welche Chancen bietet uns also Cultured Meat?

Cultured Meat kann also nicht nur Tieren helfen, sondern auch uns Menschen, sowie dem gesamten Ökosystem. Es kann Hungersnöte verringern oder auslöschen. Es hat das Potential, Fleisch dauerhaft so günstig zur Verfügung zu stellen, dass es sich jeder leisten kann. Es kann die Ausbeutung von Ressourcen verringern: Öl für den Transport von Vieh und Futtermittel, Wasser, Land, Wälder, Getreide, Strom… Es kann den Ausstoß von Treibhausgasen senken und so die Erderwärmung verlangsamen – plötzlich wären ganz neue Umweltziele denkbar! Es kann unser Grundwasser vor Verunreinigung schützen und damit auch Menschen, die auf sauberes Grundwasser angewiesen sind.

Cultured Meat hat dermaßen viele Vorteile, dass es nahezu unmöglich ist, sie alle aufzuzählen. Last, but not least, gilt es natürlich auch anzumerken, dass es eine gleichbleibendere Fleischqualität liefern kann, bei der der Fettgehalt quasi manuell bestimmt werden kann. Aus der Sicht von Feinschmeckern und Ernährungsbewussten ist es daher sicherlich ebenso vorteilhaft.

Ich hoffe, dass ich die Zeit noch erleben werde, in der Cultured Meat zur Regel wurde. So wie heute nur noch wenig Pelz getragen wird, wo es früher normal war, und wie es heute kaum mehr Sklaven gibt – aber dennoch noch zu viele – wohingegen Sklavenhaltung früher zum guten Ton gehörte, hoffe ich, dass auch die Massentierhaltung und der übermäßige Konsum von durch Tierqual und Unwürde gewonnenem Fleisch auf ein Minimum reduziert werden.

Wo Paul McCartney einst zu Recht sagte, dass jeder Vegetarier wäre, wenn Schlachthöfe Glaswände hätten, halte ich es mit seinem früheren Bandkollegen, John Lennon: “You may say I’m a dreamer, but I’m not the only one.”


Quellen:

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