Was zählt sind Liebe und Wahrheit – Teil 1 eines langen und interessanten Gesprächs mit Dr. Daniele Ganser

Vor einiger Zeit bekam ich die Möglichkeit, den bekannten schweizer Historiker, Friedens- und Energie-Forscher Dr. Daniele Ganser im Büro seines Swiss Institute for Peace and Energy Research (SIPER) bei Basel zu besuchen um ein Interview mit ihm zu führen. In einer äußerst freundlichen, lustigen und von beiderseitigem Interesse geprägten Stunde sprachen wir über seine Person, seine Arbeit, illegale Kriegsführung und Fußball. Weiterlesen sei daher jedem empfohlen, der schon immer wissen wollte, warum die UNO nicht funktioniert, und was Medienkompetenz und Kriegspropaganda mit Fußball gemein haben.


Alle Teile:

Es folgt:

  • Am 08. Januar: Eine Rezension zu Dr. Daniele Gansers aktuellem Buch “Illegale Kriege: Wie die NATO-Länder die UNO sabotieren – Eine Chronik von Kuba bis Syrien”

Würden Sie mir etwas über Ihre Familie erzählen und wie Sie Ihre Freizeit verbringen?

Ich wohne in Dornach, das ist in der Nähe von Basel. Ich habe zwei Kinder, die sind sieben und zehn Jahre alt. Ich gehe gerne raus in die Natur, weil ich bin ja sozusagen ein Informationsarbeiter. Ich nehme Informationen auf, ich gebe Informationen weiter mit Vorträgen und Büchern, das heißt ich lese viel, ich bin viel auf dem Internet, ich schaue mir Dokumentationsfilme an, ich studiere Dokumente. Und da ist einfach der Ausgleich, dass man digitale Timeouts nimmt, ganz wichtig, sonst dreht man durch. Wir sind heute in einer Zeit, wo es nicht das Problem ist, dass wir zu wenig Daten haben, sondern wir alle haben zu viel. Und weil ich ja Historiker bin vergleiche ich das immer mit dem Mittelalter. Vor 600 Jahren hier in Basel konnten die meisten Leute überhaupt nicht lesen, also hatten sie keine Informationsüberflutung. Und die wenigen, die lesen konnten, die hatten dann keine Bücher, weil die ersten Bücher da in etwa gedruckt wurden. Das waren alles lateinische Bücher und das war immer die Bibel. Das ist heute eine andere Situation, wo jede Sekunde ein Mail, SMS oder die News reinkommt. Es ist heute wirklich wichtig, dass wir eine Kompetenz entwickeln, die ich eben digitale Timeouts nenne. Das mache ich am liebsten in der Natur. Wenn ich kann gehe ich mal wandern, treffe ich mich mit Freunden, wir stellen ein Zelt auf, machen ein Feuer, sprechen und Natel ist verboten.

Dann verbringen Sie so auch die Urlaube mit Ihrer Familie, gehen mit den Kindern in die Natur?

Genau, viel Natur. Die Kinder dürfen auch nicht fernschauen, das ist verboten bei uns. Natel haben sie auch nicht. Ich weiß, es kommt irgendwann. Aber sie dürfen dann in den Ferien eine DVD schauen, weil bei denen hab ich ja die Kontrolle. Und da gibt’s die Astrid Lindgren DVDs, die Fünf Freunde und TKKG. Ich gehe das mit den Kindern mit, aber ich begleite die Medienkompetenz sehr eng, weil ich will, dass sie auch für sich alleine zeichnen oder sich in der Natur mit Holz beschäftigen können.

Bilden Sie Ihre Kinder dann auch schon politisch?

Nein, nein. Ja, ja. [lacht] Ein bisschen schon. Ich hab ja ein Elektroauto. Und meinen siebenjährigen Sohn frage ich dann immer: “Wo kommt der Strom her?” Dann sagt er: “Papa, das hast du mich schon so oft gefragt! Vom Dach! Den produzieren wir selber. Darf ich einstecken?” Und ich: “Klar, darfst du einstecken. Und warum nehmen wir eigentlich kein Erdöl?” “Wegen den Erdöl-Kriegen.” Ja doch, das ist politisch. Sie sehen mich auch mal in der Zeitung oder in Fernseh-Aufzeichnung oder YouTube habe ich ihnen auch schon mal gezeigt. Sie haben kein Interesse an einem Vortrag, das verstehen sie nicht. Aber sie fragen dann schon immer wieder, warum es eigentlich Krieg gibt. Ich sage ihnen dann, es gibt Kriege, weil Menschen Konflikte haben und sie mit Gewalt lösen. Das ist das Hauptproblem. Es gibt keine Schläge in der Familie. Mein Sohn hat eine zeitlang gekickt. Das geht gar nicht! Und wenn ich dann mal müde bin, wenig gegessen habe und überlastet bin und ein bisschen laut werden, sagen sie natürlich: “Ey Papa, du musst hier jetzt nicht rumbrüllen. Du bist doch der Friedensforscher.” Das ist schon anstrengend. Klar, ich schlage nie, aber ich bin manchmal auch unkontrolliert. Nie bei Vorträgen oder im Fernsehen, aber mit den Kindern ist es am anstrengendsten, wenn ich müde bin, den ganzen Tag gearbeitet und dann noch zu wenig gegessen habe. Wenn diese drei Dinge zusammenkommen, dann liegen die Nerven ein bisschen blank und wenn dann auch irgendetwas nicht läuft, wenn sie nicht tun, was sie sollen, dann werde ich laut. Und dann sagen sie: “Friedensforscher!” [lacht] Das ist das Achtsamkeitstraining. Auch wenn ich in Debatten bin und gestritten oder rumgeschrien wird. Das geht gar nicht! Man muss ruhig bleiben und die andere Meinung respektieren.

Wie lange arbeiten Sie im Schnitt?

Ich zähl’s wirklich nicht. Ich arbeite mit so viel Interesse. Gestern hab ich um 8 Uhr angefangen, dann hab ich gearbeitet bis 12, dann bis 1 Uhr Mittagspause und noch einmal durchgearbeitet bis 5. Um 5 bin ich losgefahren zu einem Vortrag. Dann war ich um 10 zuhause. Aber es ist nicht immer so. Es gibt auch Wochen, da mache ich gar nichts, sondern bin in der Natur. Also wenn ich arbeite, arbeite ich viel, weil halt auch immer viel passiert. Es ist fast nicht möglich, dass ich sage, dass ich Syrien nichts weiß. Sondern ich muss dann wissen, was da passiert, was die Türkei, die Amerikaner, die Deutschen und die Russen machen. Und das verändert sich auch immer wieder. Das ist eigentlich das anstrengende an der Zeitgeschichte. Ich hab Kollegen, die haben sich auf römische Geschichte spezialisiert. Sagen wir, die decken den Zeitraum 200 v. Chr. bis 200 n. Chr. ab. Und das sind halt die… Die Dokumente sind fix. Es kommen nicht immer neue Quellen hinzu. Irgendwann, alle 10 Jahre, gibt es eine neue Entdeckung. Aber der Datensatz ist relativ klar. Dafür ist es weniger aktuell. [lacht] Ich habe mich auf die Zeitgeschichte seit 1945 spezialisiert. Das sind die letzten 70 Jahre. Viel Stoff und vor allem anstrengend, weil es mit der Informationsrevolution, also diesem “Information Overkill” zusammenkommt. Es ist ein anspruchsvolles, aber auch ein super spannendes Forschungsfeld. Darum, ich bin zufrieden, aber es ist viel Arbeit.

Gehen Sie wählen oder zu Volksabstimmungen?

Ja, ich gehe schon wählen. Also, zum Beispiel in der Schweiz hatten wir ja eine Abstimmung, ob wir die Waffenexporte abschaffen sollen, da hab ich gesagt, die soll man abschaffen. Da war ich unterlegen. Da war halt die Idee, dass dann die Arbeitsplätze fehlen. Und sonst wähle ich oft für die Energiewende. Ich bin ein Freund von 100% erneuerbarer Energie. Atomausstieg stimme ich dann immer wieder dafür. Wir haben ja Sachabstimmungen in der Schweiz. Ja, ich gehen an die Urne. Ich wähle Parteien. Ich wähle immer wieder verschiedene Parteien. Das ist wie bei Fußball. Da hab ich keine fixe Partei, die ich immer wieder wähle, sondern da wähle ich mal die, mal die, bin mal von der enttäuscht, mal von der. In der Schweiz haben wir ein Spektrum von SVP, das ist ganz rechts, bis grüne Partei, das ist ganz links. Und ich hab Positionen bei beiden. Also zum Beispiel, die SVP sagt, wir sollen keine Truppen ins Ausland schicken, wir sollen strikt neutral sein. Da bin ich SVP-positioniert. Das ist genau meine Meinung. Und die sagen auch, der NATO und der Europäischen Union sollen wir auf keinen Fall beitreten. Das ist genau meine Position: Sollten wir nicht, weil in diesen großen Machtstrukturen wird es immer korrupter. Und die linken Gruppen wie die Grünen meinen, wir sollten 100% erneuerbare Energien haben, wir sollten Atomkraftwerke abschalten, wir sollten mehr Photovoltaik haben. Das ist auch meine Position. Und, ja, die zwei Parteien verstehen sich überhaupt nicht. Die sind sich spinnefeind. In ein Links-Rechts-Schema kann man mich nicht einordnen. Das geht nicht. Und dann haben die gesagt, ich bin Querfront. [lacht] Das war auch wieder so ein Kampfbegriff. Aber die beißen sich völlig die Zähne aus, weil sie versuchen, immer ein neues Dogma aufzustellen. Sie verstehen nicht, dass ich ohne Dogma argumentiere. Ich argumentiere mit Wertsätzen. Ich sage, ja, ich bin für erneuerbare Energien – erster Wertsatz. Zweiter Wertsatz: Ich bin dafür, dass Konflikte ohne Gewalt gelöst werden. Ende. Das sind meine zwei Grund-Wertpunkte. Und an denen versuchen sie verschiedenes. Das hat mich nicht destabilisiert. Ich hab dann gesehen, da wird einfach Schlamm geworfen. Das ist ja für mich wieder ein Moment, wo ich trainieren kann, dass ich mich ausbalancieren kann in Lob und Tadel. Und weil ich das immer besser kann werde ich immer weiter zum gelassenen Friedensforscher. Ein Dalai Lama wird von den Chinesen extrem angegriffen, aber der schreit sie nie an. Der bleibt völlig gelassen. Und das, denke ich, wäre auch das, was ich der nächsten Generation weitergeben möchte, die dann fragen: Ja, was ist es denn? Und da möchte ich sagen: Es ist eine große Übung, die geht bis zum Tod. Die hört vorher gar nicht auf. Und du kannst dann auch so selber Übungselemente einbauen. Ich habe zum Beispiel ein Jahr kalt geduscht, auch Haare kalt gewaschen, weil das den Schockreflex auslöst. Und die psychologische Kriegsführung löst Schocks aus. Also tote Kinder, explodierende Türme, da hast du immer Schock. Und wenn man auf Schock behaviouristisch reagiert, das heißt, so konditioniert, dass man sofort zu Gewalt greift, dann ist das schwierig. Aber wenn man Schock bei sich beobachtet und sozusagen wie ein Adler über den eigenen Gefühlen und Gedanken fliegt, dann ist das wie Achtsamkeit oder Meditation. Man ist oben dran. Man ist nicht drin. Und wenn man dann in die kalte Dusche reinläuft, macht das Denken einen Riesen-Lärm. “Bäh, ungesund, Scheiß-Idee! Was ist das? Friedensforscher! Das brauchst du nicht! Hör doch auf! Deine Friedensforschung ist super! Das braucht es wirklich nicht! Du willst einen Herzinfarkt? Das ist doch ungesund! Bekommst einen Hautausschlag!” Der Kopf findet 100.000 Gründe, warum es jetzt nicht der richtige Moment ist. Und dann muss der Wille von oben einfach rein steuern, dann geht man einfach rein. Klar, es zittert vielleicht im schlimmsten Fall. Aber es passiert gar nichts! Die Haare fallen nicht ab. Man ist eher vitalisiert. Und das habe ich sehr genau beobachtet. Das habe ich jetzt aber wieder aufgehört. Und was ich jetzt mache ist, wenn mir etwas runterfällt, ein Glas zum Beispiel, dass ich das dann nicht kommentiere. Weil es passiert so schnell, oder?

Da kommt dann so ein schnelles “Scheiße”!

Genau, das ist das erste Wort, wo dann immer kommt. Also hab ich so eine Erdbeertorte gehabt, es war elf Uhr nachts. Ich wusste, jetzt schau ich noch ein wenig Olympia, Volleyball. Da hab mich richtig gefreut. Kinder schlafen, Frau schläft. Das war so mein Moment. Ich geh rüber und dann rutscht mir diese Erdbeertorte so quer runter und geht dann angespitzt in den Boden. Erdbeertorte ist ja nur Blätterteig, Vanille und dann Erdbeer. Da sind also keine Stahlträger drin. Das ist so weich. Das gibt den vollen Fladen, oder? Und ich bin ja schon in der Übung drin. Ich hab mir gesagt, ich kommentiere es nicht mehr. Aber es geht so schnell, das sind Bruchteile von Sekunden. Es gibt ja ganz viele Möglichkeiten zum Üben, auch im Verkehr, wenn einer einem den Rechtsvortritt nimmt, oder so. Und wenn man das intensiv übt, wird man, wenn man in einem Streitgespräch ist – was ich ja viel bin, man ist am Fernsehen oder die Kamera hält voll drauf – dann ist man schon trainiert. Kann ich allen nur empfehlen. Und auch in Beziehungskonflikten. Man ist wirklich trainiert. Man ist viel achtsamer. Man reagiert nicht einfach: “Selber Arschloch!” Man atmet durch, wenn man keine konstruktive Bemerkung hat schweigt man mal und dann ist man schon in einem anderen Zustand. Und diese sofort Zurückschießen, das ist noch wenig achtsam. Und das wäre halt die Idee der Friedensforschung, dass sie den Leuten hilft, achtsamer zu sein, wenn sie völlig unbewusst Kriegspropaganda aufnehmen, nie in den Wald gehen, im Job völlig ausgepowert sind, schlechte Nahrung zu sich nehmen. Dann ist es normal, dass sie durchdrehen. Das wünscht man ja niemandem. Und da sind jetzt aber immer mehr Leute auch interessiert. Wir haben in der Schweiz ja nicht das Hauptproblem, dass wir bombardiert werden, sondern dass wir uns umbringen. Rund drei Suizide pro Tag. Und das ist das Hauptproblem und da ist eigentlich Achtsamkeit die einzige Lösung. Das ist das Problem der Depression, der Niedergeschlagenheit und da ist Achtsamkeit ganz, ganz wichtig.

Ganz kurz: Was sind für Sie die wirklich wichtigen Dinge im Leben?

Die Liebe und die Wahrheit.


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Es folgt:

  • Am 08. Januar: Eine Rezension zu Dr. Daniele Gansers aktuellem Buch “Illegale Kriege: Wie die NATO-Länder die UNO sabotieren – Eine Chronik von Kuba bis Syrien”

Dr. Daniele Ganser ist Historiker, Friedens- und Energieforscher. Er ist Gründer des Swiss Institute for Peace and Energy Research (SIPER) und hat bereits mehrere Bücher veröffentlich. Sein aktuelles Buch „Illegale Kriege“ erschien im Oktober 2016 im Orell Füssli-Verlag, der auch bereits seine Werke „Europa im Erdölrausch“ und „NATO-Geheimarmeen in Europa“ veröffentlichte. Alle drei Bücher kann ich ausnahmslos empfehlen.


Foto: Kristin Herbig | Quelle: danieleganser.ch

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5 Gedanken zu “Was zählt sind Liebe und Wahrheit – Teil 1 eines langen und interessanten Gesprächs mit Dr. Daniele Ganser

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