Ich liebe den Markt… – Über den Kausal-Zusammenhang von Konsum, wachsender Ungleichheit auf globaler und nationaler Ebene und der „Flüchtlings-Krise“

Es ist schon etwas abstrakt, doch es gibt mehr als genug Menschen, die dem Markt als eine religionsähnliche Entität huldigen. Dabei ist für die meisten nicht nur die Liebe zum Markt eine Abstraktion, sondern bereits der Markt in sich selbst. Natürlich gibt es fixe Definitionen, dennoch wird er meist sehr subjektiv definiert. Für viele ist der Markt das Sinnbild des Kapitalismus, der virtuelle oder reelle Ort, an dem weltweit Handel betrieben wird. Der Markt hat seine eigenen Gesetze, welche nicht nur teilweise unabhängig von nationalem und internationalem Recht zu sein scheinen, sondern die sich oft über geltende Rechtssprechung stellen oder diese sogar aktiv beeinflussen. Der Handel, der Konsum und damit der Markt bestimmen unseren Alltag, vom Klingeln unseres Weckers bis zum Schließen unserer Augen und darüber hinaus.

Ob man den Markt positiv oder negativ behaftet sieht, ist dabei noch weitaus subjektiver als die bloße Definition desselben. Das lässt sich sehr gut an einem kleinen Beispiel erklären. Große, international agierende Unternehmen wie z.B. Nestlé oder Coca Cola erwerben für verhältnismäßig kleines Geld die Rechte an den Wasservorkommen überall auf der Welt. Davon sind auch Industrieländer betroffen – bekannt ist hier vor allem das Beispiel Kaliforniens – aber vor allem spüren die Menschen in den ärmeren Regionen Afrikas die Auswirkungen. Es werden große Pumpen und Brunnen gebaut, die das Wasser fördern. Der Grundwasserspiegel sinkt in Folge dessen und die Bewohner kommen mit ihren alten Brunnen nicht mehr an das nasse Gold. Gold? Ja, denn für diese Menschen ist Wasser weitaus mehr wert als jede Währung und jedes Edelmetall. Für sie bedeutet Wasser Leben. Da das Grundwasser nun unerreichbar ist, müssen die Menschen auf Flüsse ausweichen. Man badet sich darin, wäscht seine Kleidung, es schwimmt Unrat darin und totes Vieh und nicht selten kommt auch noch das verschmutzte Abwasser eben jener großen Unternehmen hinzu, welche das Ausweichen der Menschen auf die Flüsse als Hauptwasserversorgung überhaupt erst provoziert haben. Das führt zu einer rapiden Verbreitung von Krankheiten und Seuchen. Wenn wir also das nächste Mal von einer Ebola-Epedemie in Westafrika lesen, könnte das der Auslöser gewesen sein. Welche Alternativen bleibt den Menschen? Ganz einfach: Sie können das Wasser, von dem sie und ihre Vorfahren Jahrzehnte und Jahrhunderte kostenfrei lebten nun schick verpackt für teures Geld erwerben. Nur dafür reicht ihnen leider das Einkommen nicht.

In der UN-Resolution 64/292 steht hierzu geschrieben:

“Die Generalversammlung […] erkennt das Recht auf einwandfreies und sauberes Trinkwasser und Sanitärversorgung als ein Menschenrecht an, das unverzichtbar für den vollen Genuss des Lebens und aller Menschenrechte ist [und] fordert die Staaten und die internationalen Organisationen auf, im Wege der internationalen Hilfe und Zusammenarbeit Finanzmittel bereitzustellen, Kapazitäten aufzubauen und Technologien weiterzugeben, insbesondere für die Entwicklungsländer, um die Anstrengungen zur Bereitstellung von einwandfreiem, sauberem, zugänglichem und erschwinglichem Trinkwasser und zur Sanitärversorgung für alle zu verstärken […].”

Dies ist leider nur eines von vielen Beispielen, in denen UN-Resolutionen von den großen Wirtschaftsmächten in enger Zusammenarbeit mit den Regierungen ad absurdum geführt werden.

Und auch für folgende Art der Ausbeutung ist unser Marktverständnis verantwortlich. Wer war noch nicht schön mit Freunden essen und dann kam, von einem selbst oder aus dem Umfeld dieser Satz: „Das war wirklich billig und vor allem viel!“ Ob die Qualität gepasst hat, ist dabei zweitrangig. Oder der uralte Klassiker: „Ein T-Shirt für 2€? Da kann man nichts falsch machen!“ Sicher, dass man da nichts falsch machen kann? Man bedenke, was von diesen 2€ alles bezahlt werden muss: Rohstoffe, Transport, Vermarktung, Ladenmiete, Lagerung, nicht zu vergessen die Gewinnmarge aller beteiligter Großhändler. Und das Wichtigste fehlt noch: die Arbeitsleistung der Näherinnen, der Baumwollpflücker, die es auch heute noch gibt, der Färber… An deren Lohn wird dann gespart und auch an deren Sicherheit. Giftige, chemische Dämpfe werden ignoriert, ebenso wie die gesundheitlichen Kurz- und Langzeitfolgen. Bei Primark, dem Trendgeschäft schlechthin, gab es nicht umsonst sowohl von Verkäuferinnen als auch von Kunden eine Reihe von Beschwerden über Schwindel und Unwohlsein als Folge der Ausdünstungen der zum Verkauf stehenden Textilien. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie es sich in den Fabriken darstellen muss. Wenn es dann mal große Unfälle mit unzähligen toten Arbeitern gibt, hört man davon hierzulande wenig. Beispielsweise kam es am 24. April 2013 in Sabhar in Bangladesch zum Einsturz eines achtgeschossigen Firmengebäudes. Trotz einer polizeilichen Absperrung aufgrund von Rissen im Gebäude am Vortag befanden sich mehr als 3.000 Menschen darin, größtenteils Textilarbeiterinnen. Das traurige Resume: 1.127 Tote und 2.436 Verletzte. Lieber wieder weghören – man will sich sein Weltbild ja nicht durch Fakten zerstören lassen.

Doch selbst wenn man von Gesundheits- und Sicherheitsrisiken absieht, bleibt das Problem der lächerlich niedrigen Bezahlung und dem Fehlen jeglicher Arbeitnehmerrechte. Die Arbeiter dort verdienen so wenig, dass sie sich das teure, gute Wasser nicht leisten können. Und damit sind wir wieder bei unserer vorherigen Problematik. Wenn sie sich über die Zustände beschweren, sind sie ihren Job los, der ihnen zumindest noch ein Leben am untersten Ende des Spektrums ermöglicht, aber sie leben zumindest. Gewerkschaften? Fehlanzeige!

Wenn mir dann ein deutscher Finanzberater, dem es an nichts fehlt, der ein gutes Haus hat und ein noch besseres Auto, der sich keine Sorgen um die Versorgung seiner Kinder und seiner Eltern machen muss und dessen Kinder kostenfreie Schulbildung und eine lückenlose Gesundheitsversorgung genießen können, erzählen will, der Markt in seiner aktuellen Form sei für den Wohlstand der Welt verantwortlich und er liebe den Markt, dann zweifle ich doch kurzzeitig an der geistigen Kapazität dieses Menschen, wenn es darum geht, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken. Getreu dem Motto: „Wenn jeder an sich selbst denkt, ist an jeden gedacht.” Liberalismus in seiner reinsten Form – ein Hoch auf die FDP!

Aber natürlich sprechen wir hier von einer Person, die zu den direkten Profiteuren des Marktes zählen. Er verdient sein Geld dank der Marktgesetze und ein zunehmender Sozialabbau, sowie die Privatisierung früher staatlicher Rentensysteme (Riester-Rente) und Betrieblicher Altersversorgungen (BAV) spielen ihm in die Karten, kann er so doch noch weitere Versicherungen an den Mann bringen. Man kann es in diesem Fall schlicht nicht anders ausdrücken, als die äußerst wahre Erkenntnis, dass es uns gut geht, weil es anderen Menschen schlecht geht.

Nun hielt ich mich mit meinen Ausführungen bislang an die internationalen Vergleiche, doch auch hierzulande herrscht eine erschreckende Ungleichheit, welche durch das Schönrechnen von Statistiken und unter dem Deckpfeiler der Wohltätigkeit verschleiert werden.

So veröffentlichte die Partei Die Linke folgende Korrektur zu den offiziellen Arbeitslosenzahlen im Juni 2016. Aus den Statistiken gestrichen werden somit Bezieher von ALG I und/oder II, die älter als 58 sind, Arbeitslose (oder wäre im Orwell’schen Neusprech “Arbeitssuchende” richtig?), die sog. 1-Euro-Jobs nachgehen, die sog. Aufstocker – hierzu gleich mehr – sowie sich in der teils aufgezwungenen und den persönlichen Fähigkeiten nicht entsprechenden Weiterbildung befindliche Personen. Somit werden aus den offiziell rund 2,6 Millionen Arbeitslosen ganz schnell 3,5 Millionen – das Armutszeugnis einer einst sozialen Gesellschaft.

Die Arbeitnehmer, die umgangssprachlich als “Aufstocker” bezeichnet werden sind dabei das Sinnbild eines Sozialabbaus unter dem Deckmantel der Sozialdemokratie unter Gerhard Schröder zusammen mit den Grünen und seither fortlaufend am Rockzipfel der Union. Diese Menschen gehen teilweise einer Vollzeitbeschäftigung nach, erreichen mit ihrem Einkommen jedoch nicht einmal den rechtlichen Minimalstsatz um ihre Grundbedürfnisse (Wohnung, Nahrung…) zu decken und erhalten die Differenz daher aus dem ALG II-Topf. Das sind keine “Sozialschmarotzer”, sondern Menschen, die hart arbeiten und davon, trotz zusätzlicher staatlicher Beihilfe, immer noch kein würdevolles Leben führen können. Denn eines muss dringend klargestellt werden: Ein Leben an der Schwelle der Grundsicherung ist ein Leben des ständigen Verzichts, der Enttäuschung und der Angst, was man den Kindern am nächsten Tag als Pausenbrot mit in die Schule geben soll.

Die schlechte Bezahlung, die hohe Teilzeitbeschäftigung und Zeitarbeit und die Angst der Menschen kommt genau einem zu Gute: der Wirtschaft und damit dem Markt. Die Armut ist gewollt, denn nur durch Armut macht man sich Menschen gewaltlos gefügig, für schlechte Bezahlung und ohne Rechte harte Arbeit zu leisten.

Und so lässt sich recht simpel die Verbindung schlagen von unserem Konsum zur wachsenden Ungleichheit – sowohl innerhalb Deutschlands oder anderer, einzelner Staaten, als auch auf globaler Ebene – und schlussendlich zur aktuellen, in ihrer Masse seit 1945 nicht mehr dagewesenen Migrationsbewegung.

Mit unserem Konsum bestimmen wir, welche Unternehmen Macht haben. Je bewusster wir konsumieren, desto mehr geht den Firmen, die Schindluder mit Mensch, Tier und Umwelt betrieben, das Geld aus und sie sind gezwungen, sich den Forderungen der Konsumenten und damit des Marktes zu fügen. Denn der Markt kann etwas Positives sein, wenn wir lernen, ihn für uns zu benutzen. Wenn wir unser Wasser nicht bei Nestlé kaufen, sondern bei einem sozial- und umweltverträglichem Produzenten, wird Nestlé die Ressourcen armer Länder nicht weiter ausbeuten können. Wenn wir Kosmetika, Reinigungsmittel und auch Nahrungsmittel nur noch tierversuchsfrei erwerben, dann werden die übrigen Firmen früher oder später auf alternative Testmethoden umsteigen müssen. Und wenn wir nicht mehr zum Metzger nebenan laufen, der seine Mitarbeiter ausbeutet, sondern eine Straße weiter zu einem freundlicheren Laden gehen, so schaffen wir mehr von den würdevolleren Arbeitsplätzen und zwingen im besten Fall den ersten Metzger zum Umdenken. Auf der großen Skala heißt das: Wenn wir Amazon den Geldhahn abdrehen, weil dort Menschen systematisch ausbeutet werden, gehen vielleicht bei Amazon Arbeitsplätze verloren. Aber vielleicht schafft es einer der Picker ja, sich als Buchhändler im Altstadtzentrum selbstständig zu machen, von dem wir dann unsere Bücher ähnlich schnell und zu gleichen Preisen beziehen könne. Und so können wir mit unserem Konsum eine Verlagerung hin zum Guten bewirken, bis hin zur Gehaltsumverteilung von Oben nach Unten und damit einem lang überfälligen Schrumpfen der Ungleichheit.

Noch mehr als Mitarbeiter in Deutschland werden jedoch Menschen in anderen Ländern ausgebeutet. Das Wasser war hier nur eines von vielen Beispielen. Auch hier kann man mit kleinsten Veränderungen am eigenen Leben vieles erreichen und damit eine noch weitaus prägnantere Ungleichheit bekämpfen. Senkt man die Ungleichheit zwischen den Nationen oder Regionen, so kann man vor allem einem wirkungsvoll entgegentreten: der Radikalisierung aus Hoffnungslosigkeit. Weniger Radikalisierung führt zu weniger Terror, zu weniger Kriegen, zu weniger Flucht. Die aktuellen “Flüchtlingsströme” sind hausgemacht. Es wird Zeit, dass wir das endlich einsehen.

Dabei gibt es stets die große Diskussion um die sog. “Wirtschaftsflüchtlinge”. Fakt ist, soweit haben die Kritiker dieser Recht, dass laut deutschem Grundgesetz Asylrecht nur für politisch Verfolgte besteht (siehe auch Art. 16a GG). Hinzu kommen diverse Versuche, das Asylverfahren EU-weit einheitlich zu gestalten, worauf ich in diesem Rahmen jedoch nicht näher eingehen möchte. Vielmehr möchte ich an Humanität, Mitgefühl und Art. 1 GG appellieren: “Die Würde des Menschen ist unantastbar.” Hierbei ist nicht die Rede vom deutschen, europäischen, weißen, westlichen oder christlichen Menschen – es geht um die Würde eines jeden Menschen. Und wenn die Würde eines jeden Menschen unantastbar sein soll, dann muss auch dafür Sorge getragen werden, jedem Menschen ein würdevolles Leben zu ermöglichen. Dies tut man nicht unter dem Vorwand der Demokratisierung vorwiegend arabischer Staaten und mit Hilfe von Bombenteppichen, die, wie z.B. der Fall Libyens mit den NATO-Einsätzen im Jahr 2011 eindrücklich gezeigt hat, die Lebenssituation der Bürger in nahezu allen Fällen massiv verschlechtern und somit auch zur Radikalisierung einiger weniger führt. Die Reaktion hierauf sind weitere Militäreinsätze, mehr Elend, mehr Flucht, mehr Radikalisierung. Ein nimmer endender Teufelskreis des Verderbens.

Die Würde des Menschen lässt sich nur verteidigen, in dem man seinem Nächsten menschlich begegnet und indem Staaten und Unternehmen die Völker- und Menschenrechte bewahren und die Würde des Menschen über die Größe der Bankkonten und die “schwarze Null” stellen.

Ich könnte nun beginnen, von Utopien einer besseren Welt zu schreiben, doch während das sicherlich hochinteressante Thema hier den Rahmen sprengen würde, ist es ein gegebener Fakt, dass der aktuell vorherrschende Turbo- oder Casinokapitalismus uns in eine Dystopie führen wird. Diese zu stoppen liegt in der Macht eines jeden einzelnen von uns, denn unser wichtigster Wahlzettel kommt nicht bei Bundes- oder Landtagswahlen in die Urne – wir erhalten ihn nach jedem Einkauf über die Ladentheke.

Eines sollten wir immer im Auge behalten: Ändern wir unsere Lebensweise, so helfen wir damit nicht nur anderen, sondern vor allem uns selbst. Ein Leben, welches von Arbeit bestimmt wird, und in dem wir arbeiten um uns Dinge leisten zu können, die wir nur wegen der Arbeit benötigen, ist kein freies Leben. Denn auch wenn die Wortwahl geschichtlich bedingt heute anders ausfällt, so blieb eine Ansicht auch nach dem Zerfall des Dritten Reiches gleich und dabei gleichermaßen falsch: Arbeit macht frei. Die größte Lüge unserer Spezies.

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