Die Utopie der freien Presse, oder: Wie neutral sind unsere Medien in der Realität? Über das Sterben der freien Medien

Die wirklich freie Presse stirbt. Doch Sterben muss nicht immer schlecht sein. Die Abschaffung des Alten macht Platz für Neues. Und so ist der Tod der freien Presse, so wie wir sie kennen, gleichzeitig auch eine Chance für sog. alternative Medien, sich mit ihrer vielfältigen Berichterstattung einen guten Ruf zu erarbeiten

Medienkompetenz schaffen

Im Zeitalter des Internets stellen diese alternativen Medien Informationen in einer riesigen Menge bereit. Wir können sie in einer derartigen Fülle erlangen, dass wir diese gar nicht mehr verarbeiten können.

Dabei ist gezieltes Sortieren wichtig:

  1. Was interessiert mich?
  2. Was ist wirklich wichtig und was Ablenkung?
  3. Welchen Quellen kann ich Glauben schenken?

Nach diesen drei Maßstäben sollte prinzipiell gefiltert werden, doch wird dies zunehmend schwerer. Schon Punkt 1 kann so manchen hierbei leicht überfordern, während das Sortieren nach Punkt 2 die meisten scheitern lässt. Der dritte Punkt ist jedoch jener, welcher fast jeden vor eine unlösbare Aufgabe stellt: Wem kann man heute noch vertrauen? Wer recherchiert eingehend, ist unbefangen und vor allem unbeeinflusst?

Lassen Sie mich die Antwort vorausnehmen: Niemand.

Aber auch wenn es auf diesem Planeten keinen einzigen Journalisten, gibt der zu 100% neutral berichtet, gibt es qualitativ dennoch massive Unterschiede, die es dringend zu beachten gilt. Denn eines Punktes müssen wir uns zwingend bewusst sein: Misinformation kann zu jeder Zeit, aber besonders in einer derart angespannten politischen Weltlage, wie wir sie momentan leider beobachten müssen, die gefährlichste Waffe der Machthaber sein. Auch der schweizer Historiker und Friedensforscher Dr. Daniele Ganser zeigt dies seinen Studenten  und den Zuhörern seiner Vorträge gerne auf: “Wer ist, nach den USA, die zweite Großmacht auf dieser Welt?”, fragt er gerne. China, die EU und Russland sind die Antworten, die einem auf der Zunge liegen mögen, doch Ganser will davon nichts hören. Für ihn ist die zweitgrößte Macht unseres Planeten die öffentliche Meinung. Und wenn es die öffentliche Meinung ist, die die größte Gefahr für imperialistische Machtspielchen darstellt, gilt diese aus Sicht des Imperiums als erstes zu bekämpfen.

Imperium, das ist ein großes Wort. Und gerade momentan, da der neue Star Wars-Film in den Kinos läuft, denken viele dabei sicherlich an Science-Fiction, an Darth Vader und den Imperator und an eine Macht, die wir uns in unseren kühnsten Träumen nicht vorstellen können. Wenn man aus dieser Rechnung aber die Science-Fiction herausnimmt, und Darth Vader sowie seinen Meister, Darth Sidious, durch reale Personen ersetzt, dann liegt man damit gar nicht mal so falsch. Doch wer ist Vader und wer der Imperator? Da gehen die Meinungen weit auseinander.

Glaubt man der allgemein anerkannten Presse, von BILD, über Spiegel bis zur Süddeutschen Zeitung, dann ist Putin beide in einer Person, die Inkarnation des Bösen. Der Schwulenhasser, der Ölmagnat, der Feind unseres Freundes, der Ukraine, und der Freund unseres Feindes, Assad und Syrien. Dem grundlegend entgegengesetzt berichten viele der sogenannten alternativen Medien, die oft sogar soweit gehen, Putin als Aushängeschild für vernünftige Politik zu nutzen.

Nun werden Sie sagen: “Das ist doch eine Frage der persönlichen Meinung. Man mag ihn, oder man mag ihn eben nicht.” Und darin liegt auch die Crux der freien Presse: in der persönlichen Meinung. So gründlich ein Journalist auch recherchieren mag und für so unbefangen er sich auch hält, wird er seine eigene Meinung dennoch immer wieder in seine Berichterstattung einfließen lassen und sei es nur bei der Themenauswahl. Will ich ein wirklich unbefangener Sportjournalist sein, dann müsste ich auch über Curling und Kreisklassen-Fußball berichten, und nicht nur über Bundesliga, Premier League und Primera Division. Und will ich politisch neutral berichten, dann muss ich über jeden Aspekt der Weltpolitik berichten. Dann gilt es, nicht nur über die Anschläge in Paris zu schreiben, sondern auch über die Toten in z.B. Mali, neben vielen anderen Orten. Dann muss ich sowohl über Obamas doppelte Truthahn-Begnadigung inmitten eines Massenmordes an ebenjener Spezies zum traditionsreichen, amerikanischen Thanksgiving-Fest sprechen, wie auch über Putins Pläne, den Genfood-Giganten von Monsanto & Co. eines auszuwischen, indem er GMO-Nahrungsmittel in Russland verbietet und sein Land in der Zukunft als weltweit größten Exporteur biologischer Nahrungsmittel sieht. War dieser letzte Satz nun unbefangen, oder schrieb ich ihn bewusst oder unbewusst so, dass ich sie dadurch zu Gunsten meiner Meinung beeinflusse? Lesen Sie sich den Satz noch einmal in Ruhe durch.

Ich spreche von Massenmorden in Bezug auf Obama und bringe dabei einen gewissen Sarkasmus bezüglich seiner Rettung zweier Truthähne ans Licht, während ich Putin als den goldenen Ritter der natürlichen Lebensmittel darstelle. Wenn Ihnen das bei mir aufgefallen ist, haben Sie bereits einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung getan: Offensichtliche Stimmungs-Manipulation können Sie bereits erkennen. Natürlich wird in der Praxis hierzu entweder sehr viel subtiler agiert, oder aber stark übertriebene, rhetorische Hetze angewandt, doch wenn Sie sich auch in Zukunft die Zeit nehmen, das was Sie lesen konzentriert zu verarbeiten und zu bewerten, dann werden Sie auch dabei schnell auf die feinen Unterschiede stoßen, die Licht und Dunkel differenzieren.

Der französische Philosoph Claude Adrien Helvétius sagte einst: “Unsere Aufmerksamkeit ist nur von kurzer Dauer, und es bedarf starker Leidenschaften, um sie wachzuhalten.” So sehr wir nun auch gezielt Werbungen blockieren und Inhalte sortieren, wird uns das Internet, das Fernsehen, Zeitungen und das Radio doch immer auch Ablenkungen zur Verfügung stellen. Diese können von den genannten Werbeanzeigen, über Spiele, Musik bis hin zu Sportübertragungen, Filme und Serien reichen. Dies alles sind Inhalte, die uns von konzentriertem und gezieltem Sammeln von Informationen abhalten. Eine Studie des Software-Giganten Microsoft aus dem Jahr 2015 zeigt auf, dass die Menschheit bereits jetzt an dem Punkt angelangt ist, an dem selbst Goldfische eine längere Aufmerksamkeitsspanne haben als der Mensch. Eine alarmierende Entwicklung, die durch die permanente “Verbundenheit”, das stete “Online-Sein” hervorgerufen und weiter angestoßen wird. Das Gehirn passt sich seiner Umgebung an. Konzentrieren wir uns seltener verlieren wir nach einer Weile die Fähigkeit dazu. Doch wie einen Muskel lässt sich auch das Gehirn trainieren. Wie Sie zu Schulzeiten Lesen, Schreiben und Rechnen lernten, so üben Sie sich nun in der Konzentration.

Auf die Frage, welche Medien glaubwürdig sind, gibt es indes keine eindeutige Antwort. Denn so wie die unterschiedlichen Medien ihre jeweiligen Meinungen vertreten, so hat auch der Konsument seine Meinung und wird sich dem Medium zuwenden, welches dieser am ehesten entspricht. Wenn man sich nun beispielsweise mit zehn verschiedenen, subjektiven Berichterstattungen ein und derselben Gegebenheit befasst, wird man eine gewisse Schnittmenge zwar erkennen können, jedoch wird es auch zu gravierenden Differenzen kommen. Während eine Zeitung sich vielleicht mehr auf offizielle Zahlen der NATO nach einem entsprechenden Militäreinsatz bezieht, wird der Fernsehsender eher auf Bilder und Videomaterial zurückgreifen, welche im Radio wiederum unmöglich dargestellt werden können. Doch nicht nur das Beleuchten unterschiedlicher Aspekte desselben Ereignisses unterscheidet die verschiedenen Medien. Auch die grundsätzlich selben Aspekte können hier mit weit auseinandergehenden Daten unterlegt sein. Ein noch verhältnismäßig aktuelles Beispiel ist die Berichterstattung über den Abschuss eines russischen Kampfjets durch das türkische Militär. Die türkische Regierung und auch ein Großteil der dort angesiedelten Medien berichteten von einem Eindringen des Flugzeugs des Typs SU-24 in türkischen Luftraum für eine zunächst unbestimmte Zeit, welche später auf 17 Sekunden festgelegt wurde. Die Piloten seien in einem Zeitraum von fünf Minuten zehn Mal via Funk gewarnt worden, den türkischen Luftraum zu verlassen. Russische Medien, wie der international vertretene Fernsehsender RT, berichteten im starken Gegensatz dazu von korrekter Einhaltung der Luftraumgrenzen durch die beiden Piloten und einem Mangel an jeglicher Warnung, bevor es schlussendlich zum Abschuss kam. Wer beides unbefangen lesen würde, könnte sich daraus kein Bild über die tatsächlichen Vorgänge im Vorfeld des Absturzes machen, sofern er nicht persönlich daran beteiligt war. Eine dringende Empfehlung zur Bildung und Förderung der eigenen Medienkompetenz ist es daher, sich ein möglichst breit gefächertes Bild über die gesamte Medienlandschaft hinweg zu bilden. Denn auch der Grundsatz der Diplomatie sollte es sein, die Meinungen und Ansichten beider bzw. aller beteiligter Parteien zu kennen und sich mit diesen auseinanderzusetzen.

Politische Unterdrückung der freien Presse

Gerne stellen wir uns heutzutage vor, die Presse wäre frei von staatlichem und auch wirtschaftlichem Einfluss. Während dies weltweit als umstritten gilt, gibt es einige Regionen, in denen dies ganz eindeutig nicht gilt.

Als aktuelles Negativ-Beispiel ist leider der deutsche NATO-Verbündete Türkei anzubringen. In keinem Land auf dieser Welt gibt es derzeit mehr inhaftierte Journalisten als dort. “Aber die haben doch sicherlich entsprechende Verbrechen begangen!”, mag man jetzt meinen. Das mag auch für einzelne der Wahrheit entsprechen, in den meisten Fällen wurden sie jedoch für die eine oder andere von der Regierung ungern gesehene Berichterstattung festgenommen worden.

Das medial derzeit am meisten aufgegriffene Beispiel ist Can Dündar, Chefredakteur der Tageszeitung “Cumhuriyet”, der sich nun wegen Spionage und Landesverrats vor Gericht verantworten muss, nachdem er über illegale Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes MIT nach Syrien berichtete. Nachdem er von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan persönlich angeklagt wurde, muss er nun eine langjährige Haftstrafe befürchten. Proteste gegen die Illegalisierung freier Berichterstattung in der Türkei wurden durch Polizeigewalt u.a. unter Einsatz von Tränengas unterbunden. Erst im Frühjahr 2015 verschärfte die dortige Regierung das Demonstrationsrecht indem sie der Polizei mehr Freiheiten bezüglich Durchsuchungen, Festnahmen und auch des Gebrauchs von Schusswaffen einräumte. Die richterliche und staatsanwältliche Aufsicht über die Polizei wurde hingegen eingeschränkt. Der Journalist, der noch kurz zuvor einen Preis für Pressefreiheit erhielt, äußerte sich direkt nach seiner Festnahme über das Kurznachrichten-Portal Twitter wie folgt: “Wir wurden festgenommen. Mach euch keine Sorgen, das sind Ehrenmedaillen für uns. Wir werden der Spionage bezichtigt. Der Präsident nannte es Verrat. Wir sind keine Verräter, Spione oder Helden; wir sind Journalisten. Was wir getan haben ist ein Akt des Journalismus.” Eine weitere Reporterin kam während ihrer Recherchen zur selben Thematik im türkisch-syrischen Grenzgebiet unter noch nicht vollständig geklärten Umständen ums Leben, nachdem der türkische Nachrichtendienst Anwohner nach ihr befragten.

Jedoch selbst wenn es nicht zu Festnahmen kommt, ist eine politische Beeinflussung einzelner Journalisten nur selten vollkommen auszuschließen, häufig aber sogar nachweisbar. Viele einflussreiche Vertreter der Branche sind in sog. “Thinktanks” (dt. “Denkapparate”) wie der Atlantik-Brücke vertreten. Die Partei “Die Grüne” bezeichnet den Verein als “Pressuregroup”, also eine Druck ausübende Gruppierung. Hier sind Größen wie Claus Kleber vom ZDF heute journal und Kai Diekmann, der noch bis Dezember 2015 Chefredakteur der BILD-Zeitung war, neben unzähligen weiteren Mitarbeitern und Führungskräften von Publikationen wie z.B. der Süddeutschen Zeitung, der FAZ, der Zeit, des Handelsblatts und des Spiegels sowie aller großen deutschen Fernsehanstalten vertreten. Ihnen schließen sich hohe Tiere aus Politik und Wirtschaft an.  In der Atlantik-Brücke werden ganz klar transatlantische Wirtschaftsinteressen vertreten und deren Mitglieder tragen diese natürlich nach außen weiter. Auch hier möchte ich ein Beispiel nennen, das in breiten Reihen der Gesellschaft für Aufruhr sorgte: TTIP. Die “Transatlantic Trade and Investment Partnership” (dt. “Transatlantische Handels- und Investmentpartnerschaft”) wurde in Deutschland stark bestreikt,. Alleine in Berlin gingen bei einer Demonstration zwischen 150.000 und 250.000 Menschen auf die Straße. Doch die Mitglieder der Atlantik-Brücke verteidigten das Freihandelsabkommen vehement. Oder um auf das vorherige Beispiel der genmanipulierten Lebensmittel zurückzukommen: Laut Studien sprachen sich 88% der Deutschen ganz klar gegen die Zulassung von GMO-Nahrungsmitteln durch das EU-Parlament aus. Unsere Landesvertreter widersetzten sich diesem Begehren jedoch und enthielten sich bei der Abstimmung, was in diesem Wahlsystem faktisch einer Zustimmung gleichkommt. So erscheint es dann reichlich unglaubwürdig, wenn sich einzelne öffentlich gegen die Vorwürfe der Befangenheit wehren, während sie ebenso publik Mitglied in ebensolchen Organisationen sind.

Also stirbt die Presse?

Ja und nein. Ja, die Presse, wie wir sie bislang kannten, wird voraussichtlich nach und nach zurückgehen, sich auf ein Minimum reduzieren und  zu einem Großteil aussterben. Wie nach dem Meteoriteneinschlag, der die Dinosaurier vernichtete, werden auch einzelne zurückbleiben, sich den neuen Gegebenheiten anpassen und möglicherweise wieder aufblühen, aber die (Medien-)Landschaft wird sich grundlegend ändern.

Nein, denn ein totales Aussterben der Medien halte ich für nicht möglich. Presse wird es, wie Kunst, immer geben und sei es nur durch von Hand zu Hand verteilte Flugblätter, die selbst in Zeiten strengster Medienkontrolle wie im Dritten Reich noch existierten. Einen Informationsfluss wird es immer geben, das liegt schon in der Natur des Menschen.

Für den Moment liegt die Zukunft der freien Medien wohl in den Einsen und Nullen des Internets, doch auch hier formieren sich bereits Bewegungen und Publikationen, die auf die gute, alte Zeitung aus Papier nicht verzichten mögen. “Etwas Richtiges in der Hand halten” würden das die Eltern oder Großeltern nennen und alternativ berichtende Magazine wie “Stimme & Gegenstimme”, “Free21” oder auch “COMPACT” kommen diesem Wunsch nach. Während tatsächliches Lesen immer mehr in Vergessenheit gerät, machen sich dies unzählige, mehr oder weniger umstrittene, beliebte und populäre Journalisten zu Nutzen, indem sie ihre Berichterstattung als Video auf Portalen wie YouTube oder Vimeo anbieten. Der von öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten gehörnte Ken Jebsen zählt mit seinem Team als KenFM zu einem großen Teilhaber auf dem Feld, ebenso wie Tilo Jung und seine YouTube-Sendung “Jung & Naiv”, welche Jugendlichen und jungen Erwachsenen in bislang immerhin 250 Folgen in simpler Manier Politik näher bringen soll. Während Personalkürzungen bei Spiegel & Co. schon nahezu an der Tagesordnung sind, wachsen solche Sender und Publikationen stetig an, sie stellen neue Mitarbeiter ein und die Auflage- bzw. Klick-Zahlen wachsen kontinuierlich. Auch hier gilt es jedoch, mit Vorsicht zu agieren und behandelte Themen selbst zu recherchieren und zu hinterfragen.

Wohin die Reise gehen wird, ist nicht absehbar, aber mit Medienkompetenz, Recherche und einem kleinen bisschen gesundem Menschenverstand und Engagement, wird es, so bin ich überzeugt, gelingen, eine bunte Vielfalt an Meinungen und Ansichten, und auch ein möglichst objektives Bild des Weltgeschehens medial zu vermitteln.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s