Buchkritik: Jürgen Todenhöfer – “Inside IS – 10 Tage im Islamischen Staat”

Ein beeindruckendes Werk, das informiert und berührt

Jürgen Todenhöfer kannte ich bislang nur aus den sozialen Medien und diversen TV-Auftritten. Mit seinen Aussagen und Ansichten hat er mich in der Vergangenheit durch die Bank überzeugt und so wurde es doch langsam mal Zeit, dass ich eines seiner Bücher lese. Auch wenn ich Todenhöfers “Traum vom Frieden” sicherlich teile, fiel meine Wahl ohne große Überlegung und wohl der aktuellen Entwicklung geschuldet, auf sein Werk “Inside IS”, in welchem er die Erlebnisse beschreibt, die er und sein Team auf ihrer zehntägigen Reise im und mit dem Islamischen Staat machten.

Der zum Zeitpunkt der Geschehnisse 74-jährige Autor beginnt das Buch mit einer Erklärung wichtiger Begriffe sowie der Entstehungsgeschichte der terroristischen Organisation, die heute allgemein als “Islamischer Staat” oder kurz: “IS” bekannt ist. DAs mag zwar etwas trocken klingen und das auch zwischenzeitlich sein, beweist sich aber nicht nur im weiteren Verlaufe des Buchs als große Bereicherung. Nicht nur dieser Ansatz, sondern auch der weitere Aufbau, macht das Werk für Einsteiger auf dem Gebiet sehr gut lesbar, bietet aber auch jenen, welche mit der Materie bereits stärker vertraut sind, noch nie zuvor gesehene Einsichten in die Welt des IS.

Noch bevor er beginnt, von seiner Reise zu erzählen, erlebt man mit, wie es zu seiner Einladung kam. Ausschnitte aus Skype-Gesprächen mit verschiedenen deutschsprachigen IS-Mitgliedern zeigen bereits in Fragmenten auf, wie es um die Mentalität der Kämpfer bestellt ist. Extremistisch und fundamentalistisch, das würde die beiden zitierten Männer wohl am besten beschreiben. Beide stammen aus Deutschland, ihnen fehlt also der Kriegs-bedingte Hintergrund für den Kampf. Sie sind im IS um dort für die Sache zu kämpfen, die sie für richtig erachten.

Der wirklich herausragend interessante Teil des Buches beginnt jedoch erst dann, als sich Jürgen Todenhöfer zusammen mit seinem Sohn Frederic und dem befreundeten Malcolm auf die Reise an die türkisch-syrische Grenze machen, wo sie von IS-Kämpfern nach Syrien gebracht werden. Von da an beginnt eine zehntägige Reise, die auch den Leser emotional nicht kalt lassen dürften.

Detailliert und möglichst sachlich beschreibt Todenhöfer die Geschehnisse, die sein Sohn so gut wie möglich in Bild und Ton festhielt. Alles weitere protokollierte Malcolm. Seine eigene Meinung bringt Todenhöfer wiederholt an, grenzt diese jedoch von der objektiven Beschreibung des Gesehenen und Erlebten klar ab. Er gibt dem Leser so die Möglichkeit, sich selbst seine Meinung zu bilden. Mir persönlich fiel es leicht, die Angst der Gäste nachzuvollziehen. Mich beeindruckte besonders in dieser Situation, dass Todenhöfer nicht davon abließ, Kritik an den Machenschaften der Gruppierung zu äußern. Er bewahrte so seine Integrität, welche er nahezu mit seinem Leben bezahlte.

Das erstaunliche Erlebnis, das ich mit diesem Buch hatte, war die Einsicht, dass ich nun nachvollziehen kann, warum diese Menschen ihr gutbürgerliches Leben in Deutschland hinter sich ließen, Beruf und Familie aufgaben, zum Islam konvertierten und sich dem Islamischen Staat anschlossen. Auch wenn ich ihren Beweggründen nicht zustimmen kann und ihre Taten verabscheue, so kann ich sie nach dem Lesen dieses Buchs dennoch in einem gewissen Maß verstehen. Damit hätte ich nie gerechnet!

Kurz vor Ende des Buchs, zu dem Todenhöfer noch eine schockierende Erkenntnis erlangt, veröffentlicht er seinen offenen Brief an den Kalifen Baghdadi des Islamischen Staats, in welchem er seine Organisation in den AIS, den Anti-Islamischen Staat, umbenennt und mit Auszügen aus dem Koran den Kalifen und seine Untergebenen der Unrechtmäßigkeit und sogar der Gotteslästerung im Namen der heiligen Schrift des Islams überführt. Ein Fazit, das einem grandiosen Buch nicht gerechter werden könnte.

Todenhöfer agiert trotz aller vergangener und aktueller Kritik mit dieser Reise und diesem Buch nach dem wichtigsten Grundsatz der Diplomatie: Man muss, um Frieden zu schließen, immer mit allen Seiten sprechen. Oder in den Worten Ken Jebsens: “Diplomatie bedeutet, dass ich mit jedem rede, auch wenn es die letzte Arschgeige ist.”

Eine ganz klare Kaufempfehlung und eine Pflichtlektüre für jeden, der es sich anmaßen möchte, über den Islamischen Staat mitzureden!

  • Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
  • Verlag: C. Bertelsmann Verlag (27. April 2015)
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